Bedeutungsvoller Input sind die Voraussetzung für Lern- und Verständnisprozesse

Die neuesten Ergebnisse der PISA-Studie werfen (wieder einmal) viele Fragen auf. In Österreich zählen ein Viertel der Schüler in Lesen und Mathematik zur Risikogruppe und können am Ende der Pflichtschule beispielsweise einfache Texte nicht sinnerfassend lesen.

Während Bildungsminister oder auch das Institut des Bundes für Qualitätssicherung im österreichischen Schulwesen (IQS) auf Ursachenforschung gehen, betrachten wir die Situation aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive und somit auch aus der Perspektive Selbstbestimmter Bildung.

Marie-Sophie Frei, langjähriges aktives Mitglied bei freilerner.at, brachte es für uns auf den Punkt: Noch mehr Kindergarten und Schule, um den Einfluss der Herkunftsfamilien zu kompensieren, ist der falsche Weg. Der menschliche Geist setzt Sinnhaftigkeit, also sinnvollen, bedeutungsvollen Input für Lern- und Verständnisprozesse voraus, um überhaupt agieren und lernen zu können. Sinnhaftigkeit ist für den Geist wie das Gleichgewichtsorgan für die Orientierung des Menschen. Wir können uns ohne dieses nicht zurechtfinden. Das menschliche Gehirn ist sogar in der Lage, Informationslücken durch den Rückgriff auf sein Weltwissen und seine Erfahrung selbstständig zu schließen. Deshalb verstehen wir auch gesprochene und geschriebene Äußerungen und Texte, die nicht alle Einzelheiten genau verbalisieren, durch den Rückgriff auf kontextuelles (Welt-) Wissen. Diese Interaktion von äußeren Reizen und bereits vorhandenem Wissen nennt man Bottom-up-top-down-Prozesse.

Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass der Mensch Erfahrungen machen und allgemeines Wissen über die Welt erwerben kann, dass er weiß, wie diese funktioniert bzw. funktionieren könnte. Die naheliegende These in Bezug auf die Ergebnisse der Wissenstests ist deshalb, dass die Schule als solche die geistig-kreativen Funktionen, also die menschliche Vorstellungskraft, die selbstständige Erfindungskompetenz und vor allem das Weltwissen, das mit neu erworbenen Wissensinhalten stets interagiert, geradezu unmöglich macht und deshalb die Voraussetzungen für die Bildung der jungen Menschen unausweichlich untergräbt.

Es ist schließlich gar keine Zeit und auch kein Raum für die Welt außerhalb der Schule. Man bleibt den ganzen Tag in der „Blase“. Dies bedeutet, dass neue Eindrücke und Begegnungen außerhalb der Schule, die den formellen Lerninhalten in der Schule überhaupt Sinn geben könnten, völlig ausbleiben. Man hat auch keine Möglichkeit, wirklich selbstständig etwas zu erfinden oder ein sinnvolles Projekt zu planen und den Weg dorthin Schritt für Schritt durchzuführen, also prozedurales Wissen zu erwerben und Selbstwirksamkeit zu erleben, weil durch die Anwesenheitspflicht in der Schule dafür meist weder Zeit noch Raum zur Verfügung stehen.

Stattdessen sind sowohl die Themen als auch die Lösungen fremdbestimmt, beziehungslos und meist sinn-frei für die Beschulten. Sie können nicht einmal wählen, wann, wo, wie lange und mit wem sie sich der Sinnlosigkeit aussetzen müssen. Das Staunen über die Welt müsste zuerst erfolgen und die wirklich tief empfundene Neugierde für sie geweckt werden, damit sinnvolle Verknüpfungen zwischen der Welt und den Wissensinhalten der Schule hergestellt werden können. Die Grundvoraussetzung für alles Lernen ist deshalb Sinnhaftigkeit und Freiwilligkeit.

Beides ist im Lebensraum Schule nicht vorhanden. Und fürs freiwillige, sinnerfassende und selbstbestimmte Lesen, das die Voraussetzung für die getestete „Lesekompetenz“ sowie allen weiteren Lernens ist, bleibt in der Schule definitiv keine Zeit. Deshalb sehe ich den Kindergarten und die Schule ohne Möglichkeit der selbstbestimmten, für den Einzelnen sinnstiftenden Welterforschung an sich als Grund für den Abstieg für das menschliche Lernen und die effektive Nutzung des menschlichen Geistes an.