Elena war fünf Jahre alt, als wir die Entscheidung trafen, es ohne Kindergarten und Schule zu versuchen.
Ich dachte damals: Wir geben uns ein Jahr. Mal schauen, wie es ist, plötzlich so viel gemeinsame Zeit zu haben.
Ob wir uns vielleicht sogar gegenseitig satt haben könnten.
Eine von Elenas ersten Rückmeldungen war: Mama, ich bin das glücklichste Kind der Welt, denn endlich kann ich ungestört spielen.
Dieses ungestört sein.
Ohne ständig herausgerissen zu werden.
Ich erinnere mich auch an eine kleine Zettelbotschaft von mir.
Darauf schrieb ich: Elena, möchtest du lesen lernen? Ihre Antwort war: Nein. Ich fragte: Warum? Weil ich mit der Welt beschäftigt bin.
Und ja, so war es dann auch.
Sie war mit der Welt beschäftigt.
Sie interessierte sich vor allem für Pflanzen und Tiere. Und sie liebte es, kreativ zu sein. Immer wieder brachte sie mich zum Staunen.
Stundenlang konnte sie sich vertiefen, und am Ende entstand oft etwas Eigenes, etwas Besonderes.
Am Anfang wollte ich gerne mit ihr lernen. Aber sie war so sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, dass ich sie aus ihren Projekten hätte herausreißen müssen.
Und das konnte ich nicht. Mir schien das, was sie tat, unglaublich wertvoll.
Ziemlich schnell merkte ich auch, dass wir die Externistenprüfung nicht schaffen würden. Ich hätte sie pushen müssen. Und das wollte ich nicht. Ich wollte ihr die Zeit lassen.
Zum Glück lernte ich andere Familien kennen, die ihren Kindern ebenfalls selbstbestimmtes Lernen ermöglichten. Mit den richtigen Menschen an der Seite wuchs auch der Mut.
Der Weg war allerdings sehr steinig und hat viel Kraft gekostet.
Es war alles andere als lustig, sich immer wieder mit Behörden und dem Jugendamt herumschlagen zu müssen.
Doch irgendwie haben wir immer wieder ein Schlupfloch gefunden. Und am Ende hat uns sogar die Corona-Pandemie geholfen, dass wir es doch noch bis zum Schluss durchziehen konnten.
Manchmal war es wohl wirklich mehr Glück als Verstand.
Elena hatte es mit mir vielleicht auch leicht, weil wir ähnliche Interessen haben.
Ich bin selbst gerne kreativ, liebe die Natur und mag Tiere.
Also dachte ich mir damals: Wenn sie den ganzen Stoff nicht lernen möchte, dann ermögliche ich ihr wenigstens die Dinge, für die ihr Herz wirklich brennt. So wurde ich ihre Begleiterin.
Zu ziemlich allem, was mir möglich war, sagte ich Ja.
Und zu allem, wozu ich nicht Ja sagen konnte, fand sie meist selbst eine Lösung.
Einmal sagte sie: Mama, ich möchte ein Pferd haben.
Ich antwortete: Tut mir leid, mein Schatz, das geht leider nicht.
Kurze Zeit später hatte sie eines. Kein eigenes Pferd, aber ein Pflegepferd, das bewegt werden musste.
Der Besitzerin war geholfen, und Elena war glücklich.
Ich konnte sie nicht hinbringen und auch nicht abholen.
Aber das war für sie kein Problem.
Sie hatte Zeit und nahm sie sich. Sie scheute sich nicht, den langen Fahrtweg samt Fußmarsch auf sich zu nehmen. Spannend war für mich: Egal, was sie sich jemals in den Kopf setzte, sie fand einen Weg.
Sie lernte, lösungsorientiert zu sein.
Einmal ist bei uns eine Brieftaube gestrandet.
In kürzester Zeit baute Elena eine Behausung für sie.
Nichts aus dem Baumarkt, sondern aus Dingen vom Sperrmüll und dem Material, das wir gerade da hatten.
Keine Anleitung. Einfach aus dem Bauch heraus. Und genau das habe ich immer sehr bewundert.
Und aus dem Spiel wollte irgendwann Ernst werden.
Am Anfang waren es Stofftierhunde und Rollenspiele. Dann kam der erste Pflegehund.
Und irgendwann war er da, ihr erster eigener Hund.
Später folgte ihre erste Ausbildung zur Hundefrisörin mit fixer Anstellung.
Oder bei den Vögeln: Zuerst beobachtete sie sie, dann wurden verletzte Vögel gerettet, und schließlich arbeitete sie in der Wildtierhilfe.
Oder beim Kreativen: Zuerst wurde gebastelt und gezeichnet, dann fotografiert und gefilmt, und schließlich entstanden kleine Kurzgeschichten.
Und daraus wurde sogar ihre erste Werbeagentur.
Elena zeigt mir immer wieder, wie wichtig es ist, Kindern Zeit, Vertrauen und Freiheit zu geben.
Sie macht aus Neugier Leidenschaft, aus Spiel Ernst und aus Ideen Wirklichkeit.
Und ich durfte sie dabei begleiten.
Das war das größte Geschenk für uns beide.
Und jetzt ist sie ausgezogen.
Sie folgt weiter ihren Träumen, reist herum und tut, was ihr gefällt.
Und ich bin da.
In der Ferne.
Und ich bin stolz auf sie.
Es war nicht ganz einfach, sie ziehen zu lassen.
Aber das kennen wir beide schon lange.
Es ist immer das gleiche Spiel zwischen uns beiden.
Ich 😱: Bist du dir sicher?
Ich weiß nicht so recht. 🫣
Bleib noch!
Und dann sie: Ich mach jetzt. 💣
Volle Kraft voraus. 💥
Ich: Na gut. 🫠
Aber dann keine halben Sachen. 😤
Und dann ist es eben so. ❤️
Ich am Anfang wieder Angst 😱 – und dann durchatmen 😮💨 und wieder zurück in die Liebe und in das Vertrauen. 💞
Ich hab dich lieb, Elena, und ich bin stolz auf dich.
Du lebst deine Träume, ohne mit der Wimper zu zucken.
Danke Elena, dass ich unsere Geschichte teilen darf.
Ich hoffe, sie macht der einen oder anderen Familie Mut, bei der das Lernen vielleicht gerade nicht so gut läuft.
Melanie Hetterich ist Mama von vier wundervollen Kindern und konnte durch ihre Offenheit und Neugier, nahezu die gesamte Bildungslandschaft kennenlernen: Privatschule, Montessori, Waldorf, Öffentliche Schule, Neue Mittelschule, Gymnasium, Freilernen und Homeschooling. Ihr Herz schlägt für die freie Bildung und Selbstbestimmung. Mehr von Melanie findest Du unter www.sonnengelb.at
