Kürzlich meinte meine Mutter, mein Freilernermädchen durfte in der Vergangenheit alles machen.
Auch wenn es den Anschein hatte – dem war nicht so.
Freiheit bringt auch Verantwortung mit sich.
Das eine geht nicht ohne das andere.
Ich habe mir die Freiheit genommen, diesen sehr besonderen Weg zu gehen.
Das hat sehr viel Verantwortung mit sich gebracht.
Es gab keine „unfähigen“ Lehrer oder ein schlechtes Schulsystem, auf das ich mich später einmal hätte ausreden können.
Wenn sich der Weg als Fehltritt herausgestellt hätte, dann wäre ich zur vollen Verantwortung gezogen worden.
Es war von meiner Seite eine klare Entscheidung, die nicht über Nacht gefällt wurde. Sie entstand vielmehr durch Beobachtung. Ich kann sehr gut wahrnehmen, indem ich Raum gebe. Ich bin ganz da und bleibe ohne Erwartung.
Dadurch zeigt sich langsam eine Spur, der ich neugierig folge. Ich sah es als meine Aufgabe, dieser Spur zu vertrauen und sie zu einem individuellen Weg werden zu lassen.
Dazu gehörte, dass ich die Dinge, die ihr wichtig waren, sehr ernst nahm und ihr dafür Räume öffnete. Sie liebte Pflanzen und Tiere, und sie konnte stundenlang kreativen Dingen nachgehen.
Sie forschte selbst und lernte.
Ich war so oft erstaunt, weil sie an die Dinge ganz anders heranging als ich. Und ich dachte nicht nur einmal: Wow, so hätte ich das nicht gemacht – und jetzt habe ich wirklich etwas gelernt.
Sie selbst hat ebenfalls sehr viel beobachtet und mir dadurch eine Welt gezeigt, die ich nicht kannte.
Sie hatte ihre Wahrnehmung so stark ausgebaut, dass sie jeden Sommer zig Vögeln das Leben rettete.
Wir saßen in unserem Garten, und sie hörte einen Amselnotruf.
Da musste gerade etwas passieren.
Tatsächlich war eine Krähe dabei, ein Nest mit Küken zu plündern. Ein Küken war verletzt und wir brachten es zur Wildtierhilfe. Das war kein Einzelfall. So hatten wir schon die unterschiedlichsten Tiere bei uns zu Gast – für mich manchmal eine Herausforderung.
Stell dir vor, du möchtest zu einem Termin, und dein Kind sieht schon wieder ein verletztes Tier oder einen entflogenen Vogel.
Bei uns war das keine Seltenheit.
Sicher habe ich dann öfter, als mir manchmal lieb war, nachgegeben.
So wie sie oft sagte: „Mama, das ist ein Lebewesen!“
Und dann ging der Termin halt flöten.
Oder es war draußen eisig, und ich begleitete sie trotzdem durch ganz Wien auf der Suche nach verletzten Tauben.
Mit acht Jahren begann sie gemeinsam mit mir bei einer Auffangstation zu arbeiten.
Ohne mich ging es nicht – mit mir schon.
Wieder durfte ich viel lernen.
Aber ich habe auch erkannt, dass ich nie so „gut sein kann“, wie die Mitarbeiter, die diese Leidenschaft in sich tragen. Für mein Mädchen war es gut, denn sie war endlich mit Menschen zusammen, die mit ihr auf echter Wellenlänge waren.
Das meinte ich vorhin mit „Räume öffnen“. Es war anfänglich nicht einfach, gemeinsam dort zu starten. Kinder haben normalerweise keinen Zugang, doch durch ein wenig Hartnäckigkeit und auch etwas Glück gelang es – als große Ausnahme.
(Hier findet sich ein Eintrag über Elena und mich auf der Website der Wildtierhilfe Wien.)
Das war meine Freiheit und meine Verantwortung. Umgekehrt musste auch mein Mädchen Verantwortung übernehmen, damit ich sie ernst nehmen konnte.
Und das tat sie.
Wenn ein Kind so begleitet wird, entwickelt es mit der Zeit einen sehr starken Willen.
Das kann manchmal unbequem sein, weil Neins hinterfragt werden.
Und es kam durchaus vor, dass ich von meinem Nein wieder abkam, weil sie mich überzeugen konnte.
Wo es für mich keine Diskussion gibt, ist beim Thema Sicherheit und Eigenschutz. Aber der Rest war verhandelbar.
Es ist daher ein Missverständnis zu glauben, dass es bedeutete, alles machen zu dürfen. Wer Freiheit mit Beliebigkeit verwechselt, hat nie erlebt, wie viel Mut und Verantwortung es braucht, sie wirklich zu leben.
Melanie Hetterich ist Mama von vier wundervollen Kindern und konnte durch ihre Offenheit und Neugier, nahezu die gesamte Bildungslandschaft kennenlernen: Privatschule, Montessori, Waldorf, Öffentliche Schule, Neue Mittelschule, Gymnasium, Freilernen und Homeschooling. Ihr Herz schlägt für die freie Bildung und Selbstbestimmung. Mehr von Melanie findest Du unter www.sonnengelb.at
