Sechs Jahre später (Frühjahr 2026)

Es ist sehr schön, diesen alten Text zu lesen. Sechs Jahre ist es mittlerweile her. Schade, dass ich nicht mehr aufgeschrieben habe. Man vergisst so vieles mit der Zeit.

Das Freilernerleben war damals ein ganz anderes. Es war aufregend und spannend. Es war auch manchmal ein wenig gruselig, weil man am Ende nicht wusste, was herauskommt.

Es hat viel Vertrauen gebraucht. Und ich habe gehofft, dass sich in den nächsten Jahren bessere Möglichkeiten auftun, dass dieser Weg endlich legalisiert wird.

Aber dazu ist es bis heute nicht gekommen. Mittlerweile sind wir vom Freilernen zum Homeschooling übergegangen, weil mich der Druck von behördlicher Seite zermürbt hat und ich bereits eine dicke Akte hatte und kein Risiko mehr eingehen wollte.

Elisa ist inzwischen 10 Jahre alt und wir versuchen, uns die maximale Freiheit herauszuholen, die mit Externistenprüfungen im Gepäck möglich ist. Wir lernen den Schulstoff nicht täglich, sondern phasenweise. Meistens in den Sommermonaten und im Frühling. In der kalten Jahreszeit kommen wir oft nicht dazu. Das empfinde ich selbst als ein interessantes Phänomen.

Vor den Prüfungen werde ich trotzdem manchmal nervös und frage mich, ob es reichen wird, weil wir oft nur wenige Wochen lernen. Aber bis jetzt hat alles reibungslos funktioniert. Wenn ich ganz ehrlich bin, macht das freie Lernen wachsamer.

Sobald es zu einem schulischen Lernen kommt, nimmt es viel Zeit ein und lässt etwas abstumpfen. Gleichzeitig bin ich als Mutter entspannter, denn es gibt ein Zeugnis und wir entsprechen der Norm. Und doch merke ich, wie sehr ich es liebe, wenn Elisa und ich den Freilernergeist immer wieder in unseren Alltag holen. Wenn wir abwechselnd führen und gemeinsam gestalten.

Kürzlich hatte ich Lust, mit Elisa auswärts zu frühstücken. Wir sind in ein Café gegangen und haben uns ein Frühstück geteilt. Wir haben uns gut unterhalten. Das war mein Impuls für den Start. Dann hatte Elisa die Idee, wir könnten doch ins Naturhistorisches Museum Wien gehen, und ich habe einfach Ja gesagt. Und wir sind gemeinsam hingefahren.

Ich habe mich ein Stück von ihr führen lassen, und dann war ich wieder dran. Es ist ein Folgen von Impulsen und von Überraschungen. Wir haben entdeckt, dass sich einiges in der Ausstellung verändert hat, und waren beide ganz neugierig. Es war alles spontan, ohne irgendeinen Plan im Kopf. Und es hat gutgetan, weil es zu unserer Tagesenergie gepasst hat.

Im Sommer haben wir das Buch „Ein Hund namens Money“ gelesen. Elisa hat das Buch sehr gut gefallen und sie hat richtig Lust bekommen, Geld zu verdienen. Die Frage war nur, wie. Schließlich haben sich zwei Ideen ergeben: Abfälle aus anderen Gärten zum Müllplatz zu bringen und einen Limonadenstand zu betreiben.

Meine Aufgabe als Mama ist es, die Ideen ernst zu nehmen und zu unterstützen. Nicht vordergründig, sondern tatsächlich im Hintergrund. Damit meine ich, mein Ja zu geben. Versuche es, wenn du möchtest. Es weder kleinzureden noch vorzugeben. Elisa hat mit der Müll-Idee gestartet. Aber schließlich musste sie feststellen, dass die Leute Bedenken wegen Kinderarbeit hatten oder zuerst Ja sagten und dann doch Nein. Auch das war eine wertvolle Erfahrung.

Die Freude über den ersten Kunden, die Enttäuschung, dass dieser dann doch wieder abgesprungen ist. Und trotzdem war es ein Erfolg, sich überhaupt zu trauen. Schließlich ging sie zu Plan B über: den Saftstand. Und tatsächlich ging die Rechnung auf. Es war ein heißer Sommer. Die Leute waren eindeutig durstig und auch sehr spendabel. Ein Schild wurde entworfen, ein Stand aus einfachen Dingen zusammengebaut.

Eiswürfel gab es netterweise geschenkt vom Schutzhaus. Auch das hat sich durch Offenheit und Beziehungen ergeben, die die Kinder selbst aufgebaut haben. Ich war wirklich erstaunt über diesen Unternehmergeist. Schließlich haben sie sogar investiert und sich einen hübschen Saftspender besorgt, der größere Mengen möglich machte.

Den Stand betrieb sie gemeinsam mit ihrem vier Jahre älteren Cousin. Das Geschäft lief richtig gut. Und ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn sie mit leerem Krug und leuchtenden Augen zurückkamen, mit einer Ausbeute aus Münzen und Scheinen.

Sie bekamen viel Lob für ihre Limonade und echte Wertschätzung. Und sie konnten Selbstwirksamkeit erfahren. Und sich auch groß und wichtig fühlen.

Vielleicht ist es genau das, was geblieben ist. Nicht die völlige Freiheit von damals, sondern dieser Geist dahinter.

 

 

 

Melanie Hetterich ist Mama von vier wundervollen Kindern und konnte durch ihre Offenheit und Neugier, nahezu die gesamte Bildungslandschaft kennenlernen: Privatschule, Montessori, Waldorf, Öffentliche Schule, Neue Mittelschule, Gymnasium, Freilernen und Homeschooling. Ihr Herz schlägt für die freie Bildung und Selbstbestimmung. Mehr von Melanie findest Du unter www.sonnengelb.at